In der Klimageschichte zeigt sich, dass es nichts gibt, was noch nie da gewesen ist

 

Der Homo sapiens entwickelte sich aufgrund von Klimaschwankungen, und er eroberte dank seiner einzigartigen Anpassungsfähigkeit die Erde, vom tropischen Dschungel bis zur arktischen Steppe. Er litt besonders in der Vorgeschichte auf der Nordhalbkugel unter brutalen Eiszeiten, kämpfte aber auch noch im Holozän, also seit rund 12'000 Jahren, mit dem Klimawandel, wie neben anderen der Archäologe und Universalhistoriker Ian Morris in seinem Bestseller Wer regiert die Welt? zeigt. Starke Abkühlungen führten zum Zusammenbruch von Zivilisationen, bis hin zum Untergang des Römischen Reiches. Und im 16. Jahrhundert brach eine kleine Eiszeit herein, mit Hungersnöten und Seuchenzügen.

Klimaabkühlung in den 1960er- und den 1970er-Jahren nach Lamb 1982
Klimaabkühlung in den 1960er- und den 1970er-Jahren nach Lamb 1982

Das alles wussten die Historiker noch, bis der IPCC vor zwanzig Jahren behauptete, es habe in der Geschichte noch nie einen so starken Klimawandel gegeben. Einer der Pioniere war der Klimatologe Hubert Lamb, der an der University of East Anglia den heute noch einflussreichen Climate Research Unit gründete. Seine Hauptwerke lohnen die Lektüre noch immer: Climate, History and the Modern World von 1982 ist digital verfügbar und auch in einer deutschen Übersetzung herausgekommen.

Wie die Historiker bis vor vierzig Jahren die Entwicklung des Klimas sahen, lässt sich in zahlreichen Publikationen aus den 1970er-Jahren nachlesen: Damals fürchteten sie nach einer scharfen Abkühlung wieder weltweit Hungersnöte oder gar eine Eiszeit. Aufschlussreich liest sich so ein Artikel des National Geographic von 1976: What's Happening To Our Climate.

In der Schweiz leistete der Berner Professor Christian Pfister bahnbrechende Arbeit. Dabei kam er in seinen früheren Werken, vor allem Das Klima der Schweiz von 1525 bis 1860 von 1984, noch zu Erkenntnissen, die sich schlecht mit der Theorie des IPCC vertrugen. Deshalb passte er sich später der Doktrin immer mehr an, in seinem Buch Wetternachhersage – 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen von 1999 und vor allem bei seinen Studien für das weltumspannende Projekt PAGES2k mit Sitz in Bern.

Verfrühung der Rosskastanienblüte in Hallau und in Genf (Urban Heat Island-Effekt!) nach Wetter & Pfister 2014
Verfrühung der Rosskastanienblüte in Hallau und in Genf (Urban Heat Island-Effekt!) nach Wetter & Pfister 2014

Auch in jüngeren Arbeiten finden sich aber spannende Einsichten. Christian Pfister zeigte in mehreren Studien, dass es in früheren Jahrhunderten weit schlimmere Dürren gab, im kalten 17. Jahrhundert am meisten und im warmen 20. Jahrhundert am wenigsten: An underestimated record breaking event – why summer 1540 was likely warmer than 2003, The year-long unprecedented European heat and drought of 1540 und eine Studie für das OcCC, Dürresommer im Schweizer Mittelland seit 1525. Er findet bei einer Analyse der besten Daten zur Phänologie (Beobachtung von Naturerscheinungen im Jahreslauf) im 20. Jahrhundert trotz Erwärmung keinen Trend: Phänologische Beobachtungen im Amtsblatt des Kantons SchaffhausenUnd er weist nach, dass der Grindelwaldgletscher, der "am besten erforschte 'historische' Gletscher der Welt" im 16. Jahrhundert stark zurückging und danach wieder schnell vorstiess: Neue Ergebnisse zur Vorstossdynamik der Grindelwaldgletscher vom 14. bis zum 16. Jahrhundert.

Gerade zur Entwicklung der Gletscher in den Schweizer Alpen gibt es zahlreiche aussagekräftige Studien, so von Hanspeter Holzhauser: Die bewegte Vergangenheit des Grossen Aletschgletschers oder Auf dem Holzweg zur Gletschergeschichte. Und ein internationales Konsortium um den Harvard-Professor Michael McCormick arbeitet mit Gletschereis vom Colle Gnifetti im Monte-Rosa-Massiv: A Historical Ice Core from the Heart of Europe. So fand es heraus Why 536 was 'the worst year to be alive'.