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Jekami in der NZZ

von Hans Rentsch

Die NZZ ist offenbar bestrebt, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, nach dem demokratiepolitischen Prinzip: Jede Meinung zählt gleich viel. Nur ist das in der Sphäre des Wissens und des wissenschaftlichen Denkens ein fragwürdiges Motto. 

So ärgert sich Feuilleton-Redaktorin Claudia Mäder über das tiefe Niveau der Debatte: 

"'Klimahysterie', 'Ökodiktatur', 'kollektive Psychose': Im Klima-Diskurs wird grobes Geschütz aufgefahren. Das ist unredlich." Sie stellt dabei richtig fest, dass es in der Ökologie nicht um Glaubensbekenntnisse gehe, sondern um Zahlen und Fakten:

Soweit mir bekannt ist, faltet kein Mensch vor Temperaturkurven die Hände. Und wer bei einer Flugreise eine CO2-Kompensation leistet, verspricht sich durch diesen «Ablasshandel» in aller Regel weder die Rettung seiner sündigen Seele noch den direkten Eintritt in den Himmel. Wo Religionen von Metaphysik und Transzendenz reden, geht es in der Ökologie um Zahlen und Fakten, und anstatt vom Leib des Herrn zu fabulieren, beginnen heute viele Menschen schlicht und ergreifend, nackte wissenschaftliche Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen und in diesem Kontext ihr eigenes Handeln zu reflektieren.

Bietet Claudia Mäder aber "Zahlen und Fakten" oder gar "nackte wissenschaftliche Tatsachen"? Überhaupt nicht. Vielmehr richtet sie einen Popanz auf, den sie seitenlang an den Pranger stellt: den rabiaten Kritiker, der Klimaaktivisten als Verkünder einer neuen Weltreligion, ja als Öko-Terroristen verunglimpft:

Heute ist es nicht mehr an den Literaten, den ökologischen Terror zu ersinnen, nein, es sind Journalisten, Politiker, Kommentatoren und Denker, die diese Aufgabe übernehmen und das Schreckensregime in drastischen Worten beschreiben. Der Ausdruck «Klimahysterie» ist längst schon zum stehenden Begriff geworden, daneben ziehen Wahlkämpfer durch die Lande, um einer angeblichen «Ökodiktatur» entgegenzutreten, die Klimaproteste werden als «kollektive Psychose» bezeichnet, und wenn ihren Vertretern «Gesinnungsterror» nachgesagt wird, sind sie damit noch gut bedient, denn zuweilen werden sie auch direkt mit der Hitlerjugend verglichen.

Es sieht allerdings nicht so aus, als hätte sich Claudia Mäder selbst mit der vielfältigen Welt der Klimapolitik-Skeptiker sowie mit den verfügbaren Zahlen und Fakten beschäftigt.

Die zweite Stimme, welche die NZZ als Megaphon benützen darf, ist die Psychologiestudentin und Klimaaktivistin Nathalie Appenzeller (23). Sie bläst ins gleiche Horn wie Claudia Mäder. So fordert sie im Schlusssatz:

Lassen Sie uns zurückkehren zu einem Diskurs über die Fakten – für alles andere fehlt uns die Zeit.

So etwas kann nur jemand fordern, der beansprucht, über die wahren Fakten zu verfügen. Aus einer solchen Position ist dann der Schritt nicht mehr weit, die Meinungsäusserungsfreiheit für "Klimaleugner" zu beschränken. Genau davon haben einige Meinungsmacher schon phantasiert.